
Ein ohnehin sinnloses Vorgehen, glaubt man Sprachforscher Joachim Schaffer-Suchomel. Nicht das Kind prägt den Namen, sondern der Name prägt das Kind. In seinem Buch „Nomen est omen“ schreibt er nach der Devise „Sag mir, wie du heißt, und ich sage Dir, wer Du bist“, dass Vornamen einen Charakter besitzen und dem Träger einen Lebensweg vorgeben. Ein Peter sei beispielsweise voller Antrieb, rastlos und innovativ, eine Elisabeth zeichne sich durch Ruhe und Bodenständigkeit aus, erklärt der Pädagoge. Und warum? „Das P von Peter würde nach vorne umfallen, könnte man es auf einen Tisch stellen; der Anfangsbuchstabe E hingegen könnte alleine stehen.“ Fest steht, für den Sprachforscher Schaffer-Suchomel gibt es keine falschen Namen. Wer nach dem richtigen Namen für sein Kind sucht, solle sich auf seine Intuition verlassen. Ohnehin habe jeder Name positive und negative Eigenschaften, die sich im Leben der Person widerspiegeln.
In Umfragen und Statistiken nach den beliebtesten deutschen Vornamen halten sich seit Jahren nahezu die gleichen Klassiker ganz oben: Traditionelle und zeitlose Namen wie Johanna und Marie sowie Alexander und Maximilian, aber auch moderne Namen wie Laura und Mia oder Tim und Leon. Die meisten Eltern in Deutschland scheinen eher auf Nummer sicher gehen zu wollen, nach dem Motto: Wenn ein Name auf der Beliebtheitsliste ganz oben steht, dann können wir bei unserem Kind damit auch nichts falsch machen.

Das sehen Promis scheinbar anders. Sie setzen auf mehr Individualität und Exklusivität bei der Namenswahl ihrer Sprösslinge. Das vierte Kind von TV-Moderator Johannes B. Kerner heißt Jilly Lina (auch die ersten drei haben einen Doppelnamen), Top-Model Heidi Klum taufte ihren neuesten Nachwuchs auf die Namen Lou Solula und der Sohn von Schwimmstar Franziska van Almsick heißt Don Hugo. Zwischen Exklusiv und Traditionell gibt es aber noch eine Art „Grauzone“. Nämlich dann, wenn sich Eltern Namen aussuchen, bei denen nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, ob diese anstandslos ins Stammbuch eingetragen werden. Dann sind Experten gefragt.
„Bei uns rufen im Jahr knapp 3000 Personen an, die Namensauskünfte haben möchten“, sagt Gabriele Rodriguez von der Namenberatungsstelle der Universität Leipzig. „Ein ganz großer Teil unserer Anfragen bezieht sich auf ungewöhnliche Vornamen“, sagt die Sprachwissenschaftlerin, die seit 15 Jahren Gutachten erstellt. An sie wenden sich Eltern, die wissen wollen, ob der gewünschte Vorname für ihr Kind als gültiger Vorname beim Standesamt eingetragen werden kann. Oder aber die Personen waren schon beim Standesamt und müssen den Namen bei der Uni-Beratungsstelle „überprüfen“ lassen. Heißt im Klartext: Gabriele Rodriguez erstellt ein Gutachten, in dem sie die Herkunft des gewünschten Namens prüft. Dafür blättert sie in Büchern (eine Bibliothek, die sich über vier Zimmer erstreckt, steht ihr zur Verfügung), recherchiert mit Hilfe einer über Jahrzehnte akribisch gepflegten Datenbank und schöpft nicht zuletzt in der heutigen Zeit aus den Tiefen des Internets zahlreiche wissenswerte Infos.
Nach 15 Jahren Namensrecherche ist die „Herrin aller Vornamen“ schon sehr routiniert. „Ich kann in 70 Prozent der Fälle sagen, wo ein Name herkommt, was er bedeutet und ob er Chancen hat, an einem deutschen Standesamt zugelassen zu werden.“ Denn auch, wenn Gabriele Rodriguez grünes Licht gibt, das letzte Wort liegt dann nach Erstellung des Gutachtens doch beim Standesamt oder gar in höherer Instanz beim Amtsgericht. Doch wie erklärt sich die Namensexpertin die große Anfrageflut?
„In erster Linie erhalten wir so viele Anfragen, weil wir immer mehr ausländische Mitbürger haben – und internationale Vornamen müssen nun einmal ins deutsche Vornamensrecht passen“, sagt sie. Dazu nennt sie ein Beispiel: „Ein Mädchen sollte den persischen Vornamen ,Nazi` erhalten. Ein Name, der hier in Deutschland dem Wohle des Kindes schaden würde. Hier habe ich dann die Schreibweise Nasi oder Naz empfohlen.“
Viele Anfragen gehen auch bei der Namenberatungsstelle ein, weil es immer wieder Änderungen im deutschen Vornamensrecht gibt, die abgeklärt werden wollen, wie etwa die Bildung „neuer Namen“. „Kerstin und Ron dürfen ihren Sohn jetzt Keron nennen, der Name, gebildet aus den beiden elterlichen Vornamen, entspricht den Kriterien der deutschen Namensgebung“, erklärt Rodriguez. Was (eigentlich) immer noch nicht geht – beispielsweise im Vergleich zu den USA: Deutschen Kindern deutsche Städtenamen zu geben. Jüngst wollte eine Mutter ihr Mädchen nach der Hauptstadt Berlin nennen. Und siehe da: Es wurde sogar erlaubt, mit einem kleinen Trick: Die Tochter schreibt sich nicht Berlin, sondern Berlyn. „Und mit dieser Schreibweise ist alles o.k., weil die Endung Lyn schon lange ein zugelassener Name ist“, so Gabriele Rodriguez.
Bei „San Diego“, dem kleinen Sohn von Verona Pooth, gab es kein rechtliches Problem: „Das ist keine deutsche Stadt, das geht mittlerweile genauso wie Savannah oder Paris“, erklärt Gabriele Rodriguez. Und außerdem sei „San“ ein türkischer männlicher Vorname und „Diego“ ein spanischer und englischer Vorname.
„Wenn ich Eltern erkläre, dass ihr Favorit in Deutschland bislang gar nicht oder nur ein Mal eingetragen ist, sind sie durchaus begeistert.“ Einen Trend zu ungewöhnlichen Namen sieht die Sprachwissenschaftlerin dennoch nicht: „Auch wenn wir tatsächlich Anfragen zu Rumpelstilzchen, Schnucki und Joghurt hatten, die wir abgelehnt haben.“ Nicht so bei dem Namen Schokominza. „Das wiederum haben wir durchgehen lassen.“ Ob das Mädchen, das mit diesem Namen irgendwo in Deutschland lebt, damit glücklich wird, bleibt abzuwarten. Nomen est omen? Vielleicht ist es ja ein besonders süßes Mädchen.
Marion Köhler mit Tochter Chantal (5)
„Die Oldenburger Studie hat mich überrascht, aber keineswegs erschreckt. Mein Mann und ich haben den Namen Chantal für unsere Tochter gewählt , weil wir die französische Sprache schön finden – und weil es den Namen nicht so häufig gibt. Und Chantal, die mit Zweitnamen Michelle heißt, ist ein freundliches, liebes Kind. Ich hoffe, sie wird demnächst bei den Lehrern einen guten Eindruck hinterlassen – und damit die Studie widerlegen können.“
Bekommen Chantal und Kevin schlechtere Noten als Johanna und Alexander?
Eine Studie der Universität Oldenburg bringt bedenkliche Wahrheit ans Licht.
Können Vornamen tatsächlich über Bildungschancen entscheiden? Schenkt man einer Studie der Universität Oldenburg Glauben, so lautet die Antwort : Ja. Die Oldenburger Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Astrid Kaiser und ihre Mitarbeiterin Julia Kube von der „Arbeitsstelle Kinderforschung“ kamen zu dem Ergebnis, dass bestimmte Vornamen bei Lehrern zu Vorannahmen führen können. So wurden die Vornamen Kevin, Justin oder Maurice sowie Chantal, Mandy oder Angelina häufig als verhaltensauffällig und leistungsschwach beurteilt. Zu diesem Ergebnis kamen die Wissenschaftlerinnen nach der detaillierten Auswertung von 500 Fragebögen, die insgesamt 2000 GrundschullehrerInnen in einer Internet-Befragung anonym beantwortet hatten. Als freundlich und leistungsstark hingegen wahrgenommen werden beispielsweise Namen wie Charlotte, Sophie und Hannah sowie bei den Jungs Alexander, Maximilian und Simon.
„Solche einseitigen Erwartungshaltungen könnten dazu führen, dass SchülerInnen in Schubladen gesteckt werden, aus denen sie nur schlecht wieder herauskämen“, warnt Astrid Kaiser. „Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, Pädagogen stärker für die Gefahr solcher Vorurteile zu sensibilisieren", betont die Professorin weiter. Es müsse darum gehen, die Konsequenzen zu verdeutlichen und eine vorurteilsbewusste Erziehung zu unterstützen.
Wenn Sie Fragen zu Vornamen haben:
Beratung und Gutachten erhalten Sie über die Namenberatungsstelle der Universität Leipzig unter:
www.vornamenberatung.eu
oder unter
Telefon 09 00-1-88 77 35
(bei Gabriele Rodriguez)
Die Beratung ist kostenpflichtig.
Ebenfalls Gutachten und Auskünfte erteilt gegen Gebühr die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden:
Telefon 0611 - 99955-0 oder E-Mail : sekr@gfds.de
Die *beliebtesten Vornamen
in Deutschland im Jahr 2009