Wie Kinder entspannen lernen ...
Probleme beim Einschlafen, Unkonzentriertheit, Kopfschmerzen, Nervosität: So reagieren viele Kinder, wenn Schule, Eltern, Alltag zu viel von ihnen fordern. Entspannungstechniken und echte „Frei-Zeit“ können ihnen helfen, wieder zu sich zu finden.
Ferdi und Fernsehen, das geht nicht zusammen. Das hat Mama Aline nach anstrengenden Monaten erkannt. Seit der Achtjährige nur noch für eine Dreiviertelstunde vor dem Abendessen die Flimmerkiste anschalten darf, schläft er besser und ist ausgeglichener. „Ferdi ist immer noch ein lebhaftes Kind, aber er war unglaublich zappelig und fahrig und konnte schlecht ein- und durchschlafen“, erzählt seine Mutter. Die Familie hat nicht nur den TV-Konsum des Nachwuchses von früher fast drei Stunden täglich reduziert, sondern sorgt auch dafür, dass sich der Junge jeden Tag austoben kann. So einfach wie Ferdi kann unruhigen Kindern nicht immer geholfen werden. Denn wenn der Nachwuchs unter Konzentrationsproblemen, Anspannung und Stress leidet, können vielfältige Ursachen dahinterstecken: Ausgrenzung und Mobbing in der Schule, Leistungsdruck, überhöhte eigene Erwartungen und Eltern-Ehrgeiz, ein voller Terminkalender auch in „Frei-Zeit“, Geldprobleme zuhause oder andere familiäre Probleme wie ständige Streitereien, Scheidung, Krankheit. Auch neue Entwicklungsabschnitte wie Schuleintritt, Schulwechsel oder die Pubertät können belasten. „Der Schul- und Leistungsdruck hat zugenommen“, stellt der Diplom-Psychologe Heijko Bauer fest, der sich auf Stressbewältigung und Entspannung spezialisiert hat. „Early English“, Sport, Musik und Schule – immer gehe es um messbare Leistungen. In der Schule definierten sich Kinder zunehmend über ihre Noten. Dabei seien gute Schüler gefährdeter, so Bauer. Denn sie stellten hohe Anforderungen an sich selbst.
Für Gesundheit und Ausgeglichenheit brauchen wir ein Gleichgewicht von Leistung und Entspannung. „Es soll nicht darum gehen, allen Anforderungen aus dem Weg zu gehen. Kinder müssen auch lernen, sich Herausforderungen zu stellen. Sie können so Strategien zur Bewältigung entwickeln“, sagt der Diplom-Psychologe Heijko Bauer.
Doch die Balance muss stimmen. Und für freies Spielen, zum Träumen, für eine kurze Auszeit im Alltag haben viele Mädchen und Jungen mit vollgestopftem Terminkalender keine Zeit mehr. Gleichzeitig bleiben ihnen die kleinen Fluchten der Erwachsenen verwehrt: Die Kaffeepause am Arbeitsplatz, das „Dampf ablassen“ beim Kollegen – das dürfen Kinder im Klassenzimmer nicht. Sie sind viel häufiger Situationen ausgesetzt, die sie nicht beeinflussen können. Der Umgang mit Anspannung und Stress gehört zudem in den meisten Schulen noch nicht zum Unterrichtsstoff.
Und die Erwachsenen geben kein gutes Vorbild: Sie hetzen von Termin zu Termin, tun Dinge, die sie eigentlich nicht tun wollen und leiden durch überhöhte Anforderungen unter „selbstgemachtem“ Stress. Wenn immer alle „unter Strom stehen“, fällt es auch Kindern schwerer, einen Gang runterzuschalten. Sie haben kaum Gelegenheit selbst zu entdecken, was ihnen gut tut.

Viele Kinder, so stellen Fachleute fest, lernen nicht zu entspannen. Ihnen fehlt freie, unverplante Zeit, um Freunde zu treffen, sich zurückzuziehen, zu träumen und zu spielen – ohne vorherbestimmte Absicht, ohne Zweck und gerade deshalb so sinnvoll. Empfohlen wird, solche „Auszeiten“ im Tagesablauf fest zu verankern. „Auszeit“ ist durchaus doppeldeutig zu verstehen: Fernsehen und Computer sollten zu verabredeten Zeiten ebenso wie das Handy ausgeschaltet bleiben. Denn spannende TV-Sendungen oder rasante PC-Spiele verhindern ein erholsames „inneres Abschalten“. Und gerade damit tun sich Kinder heute schwer. Viele spüren das Zuviel nicht mehr: das Zuviel an Aktivität, das Zuviel an Spielzeug, das Zuviel an Zerstreuung.
Mit Entspannungstechniken können unruhige und nervöse Kinder zur Ruhe zu kommen. Auch Kopfschmerzen, so zeigte eine Untersuchung der Universität Göttingen mit mehr als 200 Mädchen und Jungen, lassen sich so lindern. In einer Studie mit Hauptschülern führte ein vierwöchiger Kurs in autogenem Training zu besseren Schulnoten der „entspannten“ Jugendlichen im Vergleich zu den „Unentspannten“.