An jedem einzelnen Haus muss man bis hoch zum Dach hinaufschauen, die Details und Inschriften entdecken und entziffern, die Bedeutung der Figuren an und auf den Häusern zuordnen – Merkur, der römische Gott des Handels auf der Dachecke eines Kaufmannspalais, ein frugales Füllhorn als Zeichen von Wohlhabenheit, das ist ja noch einfach zu interpretieren. Jedenfalls kommen wir nur im Schneckentempo voran und leiden bald an Genickstarre.
Randvoll mit Eindrücken endet unser Rundgang etwas ermattet im Cafe des wohl eindrucksvollsten Jugendstilbaus von Prag, im Repräsentationshaus der Gemeinde Prag, kurz „Gemeindehaus“ oder „Reprä“, wie die Prager es nennen. Ein Café, ein Restaurant, ein Konzertsaal für 1.500 Besucher, zahlreiche weitere Säle, ein dramatisches Treppenhaus etc., auf 4.200 m² Fläche – dieses Gebäude nimmt mir schier den Atem – ein „Palast“, der, 1911 erbaut, dem bürgerlichen Prag huldigt.
Der Adel siedelte auf der anderen Seite der Moldau, auf der Anhöhe um und unterhalb der Burg, der einstigen Residenz böhmischer Fürsten, seit 1918 Sitz des Staatspräsidenten.
Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich im vormaligen Böhmen eine breite, wohlhabende und gebildete Bürgerschicht. 60 Prozent der kaiserlich-königlich habsburgischen Industrieproduktion befanden sich in Böhmen. Denn, wenn schon überhaupt, dann wollte Kaiser Franz Joseph I. die Industrialisierung möglichst weit weg von Wien haben. Das war die Zeit, in der sich die Bürger jene prachtvollen Jugendstilvillen in Prag – das übrigens nie zerbombt wurde – leisten konnten, und „im Laufe des ersten Jahrzehntes des neuen Jahrhunderts wurde der Jugendstil geradezu zum Ausdruck der tschechischen Gesellschaft!", so ein Kunstbuch.
40 Jahre Kommunismus haben Schaden angerichtet
Nach gut 40 Jahren sozialistischer Diktatur sieht Max allerdings die bürgerlichen Werte und Strukturen in seiner Heimat weitgehend geschleift. Nur den Willen zur Ausbildung habe man nicht völlig unterdrücken können, meint er. Aus ihm, dem Flüchtling, spricht immer wieder während unserer Prag- Tage die große Bitternis und Verletzung über das seiner Familie, seinem Land so lange und so gründlich vorenthaltene bürgerlich freie Leben und über eine in großen Teilen ver- und zerstörte Gesellschaft, wie er meint. Er mag Recht haben – bei so manchem Blick ins gegenwärtige Politikchaos Tschechiens. Seine Verwandtschaft aber, durch die Bank hoch qualifizierte Menschen, hat sich nicht verstören lassen und beginnt, sich einen kleinen Wohlstand zurückzuerobern.
Heute ist ein erster Rundgang durch die wunderschön renovierte Innenstadt Prags an der Reihe. Fast das komplette Zentrum ist als Weltkulturerbe anerkannt. Prachtvolle Bürger- und Handelshäuser – Stile aller Epochen, das älteste gotische Wohnhaus Europas, daneben Barock und immer wieder Jugendstil. Ab 1900 bemächtigte sich der Jugendstil hier ganzer Straßen. Im Grau des Schmuddelwetters strahlen die üppigen frischen Blattgoldverzierungen an praktisch jeder Hausfassade. Ich weiß jetzt, warum von der Goldenen Stadt Prag gesprochen wird. (Obwohl die Stadt das Attribut „golden“ lange vor der Zeit dieser Häuser von Kaiser Karl IV. erhielt.)